Ist Didaktik die “Guided Tour” durchs Lernen?

Ein interessanter Gedanken, der mir im Zuge unserer Diskussion nun zweimal begegnet ist: einmal irgendwo rund um und einmal von Martin Lindner auf Google+ in Reaktion auf den “Wer darf eigentlich Lernprozesse gestalten?”-Artikel.

Didaktik as “Guided Tour” wurde im Diskussionskontext immerhin schon einmal als etwas Positives – oder zumindest nicht Negatives dargestellt.

Aber es greift in meiner Wahrnehmung zu kurz:

Was es darüber hinaus gibt:

Mein Steckenpferd sind Seminare, in denen es Beziehungen gibt zwischen den Lernenden sowie zwischen Lernenden und Lehrenden.

Unter “Guided Tour” stelle ich mir einen Lehrplan vor: Aufzählung und ggf. Darstellung der relevanten Bereiche und relevanter Ziele mit zugehörigen Aufgaben. Dann können die Teilnehmer daraus machen, was sie wollen.

Das muss aber nicht alles sein: Wichtige weitere didaktisch mitgedachte Elemente können sein:

  • SeminarmoderationLösungs-Feedback: Peer-to-Peer
  • Moderatoren-Feedback zu Lösungen und Diskussionsbeiträgen
  • Fragen / Schwerpunkte, die die Teilnehmenden einbringen.
  • Angebot lernorganisatorischer Unterstützung

Ein Beispiel:

Am Bsp. von “meinen” Apotheker-Fortbildungen in moderierten Online-Seminaren sieht das didaktiksche Konzept so aus:

Teilnehmende kommen optimalerweise aus unterschiedlichen Erfahrungsbereichen:
z. B. Landapotheken, Großstadtapotheken, Krankenhausapotheken; aus Detuschland, Österreich der Schweiz, Österreich… mit langjähriger Berufserfahrung und altem Studien-Curriculum, oder weniger Erfahrung, dafür mit mehr Nähe zum aktuellen Curriculum.

Apothekerin bei der Arbeit | fotoliaAls Einstieg geben sie meist zum jeweiligen Seminarthema in einem Diskussionsforum Beispiele aus ihrer Praxis (z. B. Fragen zur Wechselwirkung verschiedener Medikamente, Fragen der Dosierung bei Alten, Kindern, Schwergewichtigen etc.). (> Praxisbezug, aktive Auseinandersetzung, Perspektivenvielfalt)

Sie stellen in dem Zusammenhang ihre Lösungen vor und in Frage, machen und diskutieren Vorschläge. Die Lehrende/Moderatorin stellt weiterführende Fragen, vernetzt die Beiträge, kommentiert, sortiert, achtet drauf, dass nichts Falsches unkommentiert stehen bleibt (, denn das könnte Konsequenzen sehr großer Reichweite haben). Sie zeigt dabei die Relevanz der Bereiche auf, die in den folgenden Aufgaben aktiv be- und erarbeitet werden. (> Relevanz – Praxisbezug)

In Einzelaufgaben, Teamaufgaben und Plenumsdiskussionen werden die Themen aktiv bearbeitet – in sinnvollem Zusammenspiel von Sozialform und Lernzielebenen. Mit Feedback von der Moderatorin/Lehrenden und den Kollegen/innen. Bei der Teamaufgabe auch Feedback während des Erarbeitungsprozesses (der in Diskussionsforen stattfindet.)

Dabei werden Fallbeispiele auch mal didaktisch reduziert, da die relevanten Zusammenhänge sonst nicht erkennbar sind und nicht eingeübt werden können.

Wo möglich und sinnvoll wird vermittelt und eingeübt, wie die Apotheker/innen nach dem Seminar aktuelle Informationen finden und bewerten – (z. B. indem geübt wird, Lösungen in Datenbanken zu finden und deren Ergebisse verglichen werden – mit dem Ziel Kriterien für die Bewertung der Informationen im Alltag zu entwickeln und anwenden zu können) und an welchen Stellen sie Rat einholen können.

Flankierend stellt das Studienmaterial die zugrundeliegenden relevanten Inhalte systematisch dar – mit Praxisbeispielen, aktivierenden Fragen und deren Auflösungen.

Es gibt auch den obligatorischen Multiple Choice Test – der neben Wissensfragen schwerpunktmäßig Anwendungsfragen umfasst (was auch, aber nicht nur Akkreditierungs-Hintergrund hat).

Parallel dazu: Ein Forum für sonstige Fragen aus der Praxis, in dem sich die Teilnehmenden gegenseitig austauschen und beraten – wiederum kommentiert von der Moderatorin.

Und dazu: Eine lernorganisatoriche Betreuung, die Unterstützung z. B. bei der zeitlichen Problemen oder Organisation der Teamarbeit anbietet und natürlich bei technische Fragen rund um die Lernplattform zur Verfügung steht. Alle Teilnehmenden können sich außerdem nach Abschluss eines Seminares in einem Alumni-Bereich für den weiteren Austauch vernetzen.

Zusammenfassend

Die dahinterliegenden didaktischen Überlegungen sind in meinen Augen weit mehr als eine “Guided Tour”.

Was ich unter Didaktik verstehe ist das, was in Zusammenarbeit mit fachlichen Experten (und sorgfältiger Erarbeitung eines Curriculms in einem internationalen Projekt) bei der Konzeptionierung dazu geführt hat:

  • Elemente sinnvoll verzahnenrelevante Bereiche zu identifizieren
  • angemessene Lernziele zu formulieren – auf unterschiedlichen Lernzielebenen
  • angemessene Methoden (und Kombination von Methoden) zu entwickeln
  • Sozialformen zielgerichtet einzusetzen
  • Aufgaben sinnvoll miteinander zu verzahnen
  • Lernenden die Möglichkeit zu geben, in der knappen Zeit, die ihnen zu Verfügung steht, von übergreifender Expertise zu profitieren, und ihrer sehr großen Verantwortung entsprechend handeln zu können
  • Lernenden Werzeuge an die Hand zu geben, nach dem Seminar vertieft und vernetzt weiter zu lernen, sich auf aktuellen Stand zu bringen.

Ich bin wirklich gespannt, ob das nun einen Impuls in die Diskussion bringt, der die Sichtweise ändert: meine oder die der “Kontra-Didaktik”-Fraktion. Aber vielleicht zeigt sich an dem Beispiel dann entgültig, dass das alles nur eine Auseinandersetzung um Begrifflichkeiten ist…

Wer darf eigentlich Lernprozesse gestalten?

Und im Nachgang zum UnUni.TV-Interview “Brauchen wir noch Didaktik?”, Teil 1 (Anja C. Wagner, Martin Lindner) und Teil 2 (Anja C. Wagner und ich) * hier sortierte und weitere Argumente, Gedanken und Beispiele und die Auflösung des “Aufwärm-Bilderrätsels

Aussagen, an denen ich mich aus dem “Austausch” am meisten reibe:

  • Didaktik = Entmündigung / Infantilisierung /
  • Didaktik = Notlösung bei fehlenden natürlichen Lernsituationen
  • Didaktik verhindert Selbstlernen

Die Diskussion, welcher Didaktikbegriff dieser Einschätzung zugrunde liegt (und ob überhaupt einer), wurde an anderer Stelle geführt/begonnen – und hat auch da, meiner Wahrnehmung nach, bei denen, die Didaktik aus o.g. Gründen “verweigert” wissen wollen, nichts bewegt.

Also neuer Versuch: Worum es Martin Lindner und Anja C. Wagner in diesem “Austausch” m. E. eigentlich geht, ist die Frage: Macht es Sinn, dass jemand anders als der/die Lernende selbst Lernprozesse gestaltet? Unter welchen Umständen?

meine These

Andere als der/die Lernende selbst sollen da (mit)gestalten, wo ein Mensch durch eigene Erfahrungen und Suche nach Antwort auf seine Fragen nicht das notwendige Wissen, die notwendigen Kompetenzen erhält, um verantwortungsvoll und/oder bestmöglich zu handeln.

Wo kann das der Fall sein?

1) Wenn das “Feld” nicht über Einzelerfahrungen der Lernenden erschlossen werden kann:

Und dabei muss es nicht um Kernphysik oder ähnlich Komplexes gehen. Es reicht der Alltag eines Elektrikers:

Elektriker, der zweiadrige Verdrahtung nicht kenntHat der aus seiner Alltagsbeobachtug abgeleitet / sich von Kollegen erklären lassen, dass bei drei Kabeln in der Stromleitung immer eines die Erdung ist, bekommt er in Altbauten mit zweiadriger Verdrahtung (bei der das dritte Kabel ohne Funktion ist) große Schwierigkeiten. In einem systematischen Lernprozess, der für diese Aufgaben gestaltet wurde, könnten folgende Ziele formuliert sein:

Der Lernende kann Kabeltechnik der 50er Jahre anhand folgender Kriterien erkennen: ….
Der Lernende erkennt die Gefahren, die beim Übergang zu moderner Kabeltechnik auftauchen.

Der Lernende kann in solchen Fällen Maßnahmen zum Herstellen der Sicherheit entwickeln und umsetzen.

Da ist m. E. die Zielsetzung “von außerhalb des Lernenden” wichtig und gehört zu einer verantwortungsvollen Vorbereitung auf die Tätigkeiten des Elektrikers.

> Eine institutionelle Ausbildung zum Elektriker, mit so etwas wie einem “Curriculum” finde ich hier wichtig. Dass das in der Praxis evtl. ein schlechtes Curriculum ist, oder Methoden gewählt werden, die den Ziele nicht gerecht werden, sind – in meiner Welt – typische Fälle fehlender oder mangelhafter Didaktik oder schlechter Umsetzung.

Drastischere Beispiele könnte ich aus der ärztlichen Arbeit wählen, aus der Arbeit von Piloten etc.

2) Der aktuelle Stand des “Feldes”, die Qualität möglicher Lösungen ist schwer einzuschätzen.

Wie kann man Essen garen?Die einen suchen nach Möglichkeiten, ihr Essen zu garen – die anderen haben das Feuer schon längst erfunden.

In der Praxis: Wer mich fragt, wie man eine 5-Zeilen-Tabelle in EXCEL zu einer 20-Zeilen-Tabelle ausdehnt, dem würde ich vielleicht erklären, wie man eine Zeile einfügt.

Er würde also 15 neue Zeilen einzeln einfügen und sein Problem wäre gelöst. Aber nicht sehr gut. Andere hätten ihm erklärt, wie man Blöcke kopiert und einfügt. Vielleicht gäbe es für seine Fragestellung auch bessere Wege als 15 Zeilen hinzuzufügen. Wenn er viel / professionell mit EXCEL arbeitet, wäre eine EXCEL-Schulung (mit sinnvoll gewählten Zielen und Wegen) eine große Bereicherung. Er würde das Potenzial kennenlernen, wissen, was geht und für seine Fragestellungen bessere Lösungen finden.

Das spannende Thema “Misconceptions” (unerkannte Fehlannahmen) ließe sich hier ankoppeln.

Adam und Eva stellen ihre Informationsquelle nicht in FrageUnd in dem Zusammenhang auch die Qualität der Informationen, des Wissens, das man sich selbstorganisiert aneignet:

Wären Adam und Eva auf den Gedanken gekommen, die Qualität der Information den Apfel betreffend in Frage zu stellen… wie würde unser Leben heute aussehen… ;-)

Um es auf Fragestellungen meines Arbeitsalltags zu übertragen: Wenn jemand in der Online-Lehre tätig sein will, würde eine anbieterunabhängige, aktuelle Schulung, Fort- / Weiterbildung enorm hilfreich sei, um die Vielzahl der technischen und didaktischen Möglichkeiten kennen zu lernen, die für ihn/sie geeignetesten Werkzeuge wählen zu können, die geeignetsten Wege der Gestaltung ihrer/seiner Lernprozesse und ggf. wesentliche DOs und DON’ts der Moderation. Die Gefahr, alles durch die Brille der eigenen Vorannahmen zu sehen (z. B. “Webinare sind konsumierbare one-way-Veranstaltungen”) und/oder durch die Brille, die ein Lösungsanbieter einem aufgesetzt hat, ist sehr groß.

Das Potenzial des Feldes bliebe unausgeschöpft, ein Projekt kann daran scheitern, viel Geld und Energie kann verschwendet werden – und keiner wüsste, woran es liegt.

Unter welchen Umständen macht es keinen Sinn dass der Lernprozess (auch) von andern als den Lernenden gesteuert wird?

Da bitte ich um Einspeisung / Perspektive von außen. So richtig konkrete Beispiele würden mir helfen, die Sorge besser zu verstehen, die hier vorherrscht. Geht es um jemanden, der Flyer erstellen will, um Grundschulbildung, um Sprachenlernen, um das Bachelor/Master-System?

mein Fazit

Lernprozesse gestalten kann heißen: Lernen über Lern-Zufälligkeiten und den Umfang des Alltagslernens hinaus. Qualitätsgesichert und mit Blick auf den Gesamtzusammenhang (Lernbereiche als Systeme verstehen, mit Subsystemen, Elementen und Beziehungen der Elemente zueinander).

Das ist in den Bereichen sehr notwendig, in denen man allein über Alltagserfahrung und selbstgesteuerten Austausch nicht das Wissen, die Fähigkeiten und Kompetenzen ererichen kann, die man für verantwortungsvolles Agieren braucht.

Vor dem Hintergrund ist (und jetzt kommt es dicke):

  • Lernzielorientierung nicht nur keine Schande, sondern in vielen Bereichen eine Notwendigkeit,
  • sog. “didaktische Reduzierung” ein angemessenes Mittel (, um schrittweise zur Komplexität zu führen),
  • sog. “Lernen auf Vorrat” wichtig (, wo es Lernen des Gesamtzusammenhangs ist).

meine Postulate

Natürlich sehe ich selbst, dass Lernprozesse sehr oft nicht so gestaltet sind, wie ich es als Potenzial darstelle.

Was braucht es, damit das Potenzial zum Tragen kommt?

1) Einbeziehen aller relevanten Akteure (z. B. Lernende, erfahrende Praktiker, Wissenschaftler, ggf. Arbeitgeber…) beim Gestalten eines Lernprozesses: Z. B. durch Aushandlungsprozessen zu:

Ziele und Wege aus Perspektivenvielfalt entwickeln

  • Welche Themen sind aus den jeweiligen Perspektiven bedeutsam?
  • Welche Fähigfkeiten/Kompetenzen braucht man der Erfahrung / Meinung der jeweiligen Perspektiven nach?
  • Welche Wege sind sinnvoll? Dabei unterschiedlichen Startpunkten, Präferenzen, Voraussetzungen gerecht werden – und Vielfalt an Möglichkeiten einbeziehen: Auch informelles und non-formales Lernen.
  • Wie kann man Perspektivenvielfalt und Praxisnähe / Aktualität nachhaltig beibehalten?

2) Sinnvolles Miteinander aller genutzter der Lernwege und -Arten (Seminare, kollegiales Lernen, selbstgesteuertes Lernen durch Lesen und Austausch etc.) gestalten.

meine Fragen querbeet

, die sicherlich auch gleich zu Gegenfragen verleiten – aber ich hätte nach dem allgemeinen “Didaktik-Bashing”, wie Axel Krommer es nennt, so gern einmal etwas Greifbares. Ich würde wirklich gern verstehen:

  • Wie sieht Lernen “ohne Didaktik” – oder ohne Fremd(mit)steuerung konkret aus?
    Martin Lindner schlägt so etwas vor wie:
    Pfleger Ausbildung?Erfahrene in der Praxis beobachten, dazu digitaler Austausch und darauf basierend so etwas wie eine “intensive Sommerakademie” – das kann ich mir nicht wirklich vorstellen – (und es kling mir auch sehr nach Gestaltung von Lernprozessen…)
  • Wie verhindert man dabei das Schmoren im eigenen Saft / Wie erreicht man den Blick “aufs Ganze”?
  • Was braucht man, um rein selbstgesteuert zu lernen? Reicht ein gutes “Design” der Lernumgebung (was ja letztlich das Leben selbst ist, oder?) ?
  • Wie verhindert man, dass sich ein motivierter Lernbegieriger frustriert von seinem Thema abwendet, weil er nicht herausfindet, was für ihn relevant ist/wird und wie er sich widersprechende Informationen einordnen kann?
  • Auf welchen Ebenen soll Didaktik “verweigert” werden / hindert Didaktik am Lernen? Grundschule? Homepage erstellen? Fremdsprachern lernen? …
  • In welchen Bereichen, unter welchen Voraussetzungen – und wie – kann man auf Educamps und über digitalen Austausch besser lernen als in einem Rahmen, den relevante Akteure systematisch und fundiert/geprüft geschaffen haben.
  • Inwiefern führt in o.g. Weise “gesteuertes” Lernen dazu, dass man nicht mehr selbst-/autodidaktisch lernen kann?

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* und auch im Nachgang zu dem darauf folgenden schriftlichen Austausch auf UnUni.TV, Google+ (rund um Martin Lindner) und Twitter (hier v.a. @nele_we (Cornelie Picht), @acwagner, @martinlindner, auch @mm_hamburg  (Jöran Muuß-Merholz) und @mediendidaktik_ (Axel Krommer); z. T. auch hier zusammengestellt.

** Grafiken 1 und 2 ClipArtGallery; alle Handzeichnungen von Bernd Wohlfahrt: Creative Commons Lizenzvertrag  Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

ununi.TV: 06.09.13: Ja, wir brauchen Didaktik.

Kurz und in den Bildern

Während ich mich gerade fragen wollte, “Brauchen wir eine Didaktik-Debatte?”, schenken mir Martin Lindner und Anja C. Wagner in einer ununi.TV-Folge eine Steilvorlage erster Güte: “Brauchen wir noch eine Didaktik?

Sie sagen Nein! Ich sage Ja! und freu mich sehr, die Gedanken aus dem Interview im Gespräch mit Anja am Freitag 06.09.2013 um 12.30 Uhr weiter zu beleuchten.

Hier ein paar Thesen in Zeichnungen. Vielleicht weckt das in dem ein oder der anderen schon eine Idee, wo ich argumentativ stehe. Wenn nicht: ununi.TV schauen!
Nachtrag 09.09.2013: Auflösung des “Bilderrätsels” hier.

feuer_machen_web

ziel_wege_webadam_eva_schlange_web  elektriker_web  pfleger-ausbildung_web

Zeichnungen von Bernd Wohlfahrt: Creative Commons Lizenzvertrag
Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

Meine Beweggründe in Worten:

Seit Monaten drehen sich meine “Muße-Momente” um Überlegungen zu MOOCs, OER, formalem / informellen Lernen.

Die Muße Momente werden rarer, aber vielleicht bremst auch die aufkeimende Sorge,  immer wieder zu lesen und hören:

  • Alles muss OER sein.
  • Es wird eh vor allem informell gelernt (“mindestens 70%!”) – formal ist nur Relikt.
  • Formale Bildungsangebote wollen ja nur “Unwissende mit Wissen füllen”…

Und ich mag mich nicht immer wieder sagen zu hören / schreiben sehen:

  • Aber Qualitätskontrolle.
  • Aber Struktur.
  • Aber Komplexität.
  • Aber Werkzeuge lernen…

und mich dabei heimlich fragen, ob ein unsachlicher Beweggrund für diese Meinung ist, dass ich Didaktik als mein Steckenpferd und Broterwerb eben einfach verteidigen will…

Da schenken mir Martin Lindner und Anja C. Wagner in einer UnUniTV-Folge eine Steilvorlage erster Güte: “Brauchen wir noch eine Didaktik?

Ich freu mich sehr, die Gedanken aus dem Interview im Gespräch mit Anja am Freitag 06.09.2013 um 12.30 Uhr weiter zu beleuchten. Unser Vorab-Austausch hat mir schon einige Ahas! beschert. Anja hat in unseren Mails den großen Nutzen des “Design Thinking” Ansatzes herausgestellt, dessen Grundlage die Empathie, das Mitdenken aller relevanter Perspektiven ist.

Das Gespräch und die Auseinandersetzug mit Martins Thesen sehe ich als sehr gute Gelegenheit, meine “pro-Didaktik-Ansichten” auf den Prüfstein zu stellen.

Alle live-Zuschauer, Nach-Schauer, Meinungen, Ideen… herzlichst willkommen!

Didaktik? Von MOOC-Design und MOOC-Moderation

In Didaktik-Workshops ist mir immer sehr wichtig zwischen Design/Konzeption und Moderation (von Webinaren, online-Seminaren etc.) zu unterscheiden.

Das hilft mir auch hier – auch vor dem Hintergrund der Diskussion mit Jutta Pauschenwein, Ellen Trude, Martin Lindner, Joachim Happel, Heinz Wittenbrink – auch Boris Jäger – und bestimmt noch vielen mehr… auf G+ und in den Blogartikeln & Kommentaren, die zu suchen (,um sie zu verlinken, was sicher gut wäre,) ich leider keinen Nerv habe.

Wie Joachim Wedekind im Didaktik-Hangout sagt (stark verkürzt):
Eigentlich könnte man meinen: Keine festen Ziele – also keine Diskussion um Methoden und Lernerfolgskontrollen – also keine Didaktik. Aber so ist es nicht und bestehendes didaktisches Gedankengut ist natürlich auch für MOOCs hilfreich.

mögliches Elemente eines MOOC Designs

Der Blick auf das Design/die Konzeption führt zum immer wieder benannten Aspekt: Ein MOOC steht unter dem Licht der “Ermöglichung”. Für die Didaktik heißt das in meinen Augen: Konzeptionell eine “Ermöglichung” vorsehen.

Das kann konkret bedeuten:

Input anbieten – eine Auswahl aus:

  • Links
  • Texte…
  • Impulsbeiträge (habe ich hier im MMC13 zum ersten Mal gesehen – sehr schöne Idee)

Kommunikationskanäle anbieten – eine Auswahl aus:

  • Blograum
  • automatische Blogaggreation
  • Twitterkanal
  • Google+ Community
  • Hangouts/Live Sessions
  • WIKIs
  • Foren

ggf. weitere Kommunikationskanäle zulassen oder dazu anregen: selbstorganisierte Live Sessions, Foren, WIKIs…

Das Zusammenspiel der gewählten Elemente sorgfältig abstimmen und kommunizieren, Aspekte der Usability berücksichtigen.

Das könnte es “schon” sein an Didaktik. Ist ja selbstorganisiertes Lernen.

Aber Peter Ador sagt im Hangout z. B. “Es ist doch didaktisches Geschick nötig, um all das zu dokumentieren, was hier zusammen kommt.” (so in etwa). Ah – das ist auch schon eine Brücke zur Moderation: MOOCs können über das reine Ermöglichen hinaus gehen – und/oder das Ermöglichen kann für einzelene Teilnehmedne effektiviert werden:

mögliche MOOC-Moderationsaufgaben

Was ist also drin im Bereich Moderation?

Vorweg: Ich finde es nicht wichtig, zu entscheiden, ob/welche Art Moderation für einen MOOC nötig ist, zur “MOOC-Definition” gehört.

Ich suche nach dem Potenzial, aus dem man dann je nach Fragestellung und Zielsetzungen (von Veranstalterseite) Elemente nutzbar machen kann. Ich sortier mal – meiner Vorstellung von didaktischer Betrachtungsweise entsprechend – nach möglichen Zielbereichen (die ich jetzt mal aus der Hüfte schieße):

Dokumentation/Ergebnissicherung

  • inhaltliche Zusammenfassungen schreiben, schreiben lassen (Reflektoren-Rolle), anregen
  • Linklisten erstellen (oder Aufttrag vergeben/anbieten), ggf. thematisch sortiert
  • Sitemaps/Pearltrees erstellen, erstellen lassen, anregen
  • Ergebnis-WIKIs zu Einzelthemen erstellen, erstellen lassen, anregen
  • alles, was in der o. g. Struktur nicht autotisiert passiert (z. B. ggf. von Hand Blogartikel aggregieren)

Aktivierung

  • Feedback zu Beiträgen der Teilnehmenden (prinzipiell wohl auf allen Kanälen möglich) (“einladend, nicht ausgrenzend sein”, sagt Dörte Giebel im Didaktik-Hangout z.B.)
  • Mailings/Newsletter mit Hinweisen auf besondere Beiträge, Ergebnisse, Events etc.
  • auch hier: Zusammenfassungen (als “Einsprungschneisen”, wie Dörte Giebel es genannt hat)
  • Events: online-Live-Sessions, Präsenztreffen…

Qualitätssicherung (heikler Bereich natürlich, wer kann alles lesen und kann/darf auf welche Weise Qualität feststellen?)

  • auch hier: Zusammenfassungen
  • auch hier: Reflektoren-Beiträge
  • Feedback zu Beiträgen der Teilnehmenden
  • Bemühen um Ausgewogenheit durch aktives Einholen / Einbingen von Gegenmeinungen, Aspekten aus noch nicht (ausreichend?) bedachten Bereichen

… (wem fällt da noch mehr ein?)

Natürlich hängt das eng mit dem Design/Konzept zusammen und überschneidet sich in einigen Punkten. Fokus der Moderation in meinem Sinne ist jedoch: Das, was im MOOC-Verlauf getan wird (im Gegensatz zu strukturgebend wie das Konzept/Design) – was die Veranstalter für die Verlaufzeit kalkulieren müssen. Als eigene Aufgabe oder als Aufgaben, die rechtzeitig delegiert werden – oder die – als “nice to have” – den Teilnehmenden als Aufgabe angeboten werden.

Moderiert und offen?

Jenseits der Definitionsfrage: Ich glaube, das geht nicht. Eine Moderation wie oben beschrieben, wird konzeptionell mitgedacht.

Wenn ein MOOC wirklich offen ist – also im Prinzip beliebig viele aktiv Teilnehmende haben kann – ist keine der oben genannten Moderationsaufgaben mehr ausführbar, wenn man damit ernsthaft übergeordnete Ziele anstrebt.

Es sei denn, man provoziert oder organisiert das Bilden von Untergruppen und arbeitet dann mit Teil-MOOCs… Untergruppen-MOOCs  – klingt in meinen Ohren aber irgendwie absurd…

Aber was heißt schon “wirklich offen” – Wahrscheinlich hat keiner von uns einen cMOOC mit 2600 Teilnehmenden oder so vor, oder? Dann ist das wohl eine eher theoretische Frage.

Das als Beitrag zu konkreter Planungs- und Kalkulations-Arbeit, die MOOCs mit sich bringen.

Euch grüßt: Jasmin