Ist Didaktik die “Guided Tour” durchs Lernen?

Ein interessanter Gedanken, der mir im Zuge unserer Diskussion nun zweimal begegnet ist: einmal irgendwo rund um und einmal von Martin Lindner auf Google+ in Reaktion auf den “Wer darf eigentlich Lernprozesse gestalten?”-Artikel.

Didaktik as “Guided Tour” wurde im Diskussionskontext immerhin schon einmal als etwas Positives – oder zumindest nicht Negatives dargestellt.

Aber es greift in meiner Wahrnehmung zu kurz:

Was es darüber hinaus gibt:

Mein Steckenpferd sind Seminare, in denen es Beziehungen gibt zwischen den Lernenden sowie zwischen Lernenden und Lehrenden.

Unter “Guided Tour” stelle ich mir einen Lehrplan vor: Aufzählung und ggf. Darstellung der relevanten Bereiche und relevanter Ziele mit zugehörigen Aufgaben. Dann können die Teilnehmer daraus machen, was sie wollen.

Das muss aber nicht alles sein: Wichtige weitere didaktisch mitgedachte Elemente können sein:

  • SeminarmoderationLösungs-Feedback: Peer-to-Peer
  • Moderatoren-Feedback zu Lösungen und Diskussionsbeiträgen
  • Fragen / Schwerpunkte, die die Teilnehmenden einbringen.
  • Angebot lernorganisatorischer Unterstützung

Ein Beispiel:

Am Bsp. von “meinen” Apotheker-Fortbildungen in moderierten Online-Seminaren sieht das didaktiksche Konzept so aus:

Teilnehmende kommen optimalerweise aus unterschiedlichen Erfahrungsbereichen:
z. B. Landapotheken, Großstadtapotheken, Krankenhausapotheken; aus Detuschland, Österreich der Schweiz, Österreich… mit langjähriger Berufserfahrung und altem Studien-Curriculum, oder weniger Erfahrung, dafür mit mehr Nähe zum aktuellen Curriculum.

Apothekerin bei der Arbeit | fotoliaAls Einstieg geben sie meist zum jeweiligen Seminarthema in einem Diskussionsforum Beispiele aus ihrer Praxis (z. B. Fragen zur Wechselwirkung verschiedener Medikamente, Fragen der Dosierung bei Alten, Kindern, Schwergewichtigen etc.). (> Praxisbezug, aktive Auseinandersetzung, Perspektivenvielfalt)

Sie stellen in dem Zusammenhang ihre Lösungen vor und in Frage, machen und diskutieren Vorschläge. Die Lehrende/Moderatorin stellt weiterführende Fragen, vernetzt die Beiträge, kommentiert, sortiert, achtet drauf, dass nichts Falsches unkommentiert stehen bleibt (, denn das könnte Konsequenzen sehr großer Reichweite haben). Sie zeigt dabei die Relevanz der Bereiche auf, die in den folgenden Aufgaben aktiv be- und erarbeitet werden. (> Relevanz – Praxisbezug)

In Einzelaufgaben, Teamaufgaben und Plenumsdiskussionen werden die Themen aktiv bearbeitet – in sinnvollem Zusammenspiel von Sozialform und Lernzielebenen. Mit Feedback von der Moderatorin/Lehrenden und den Kollegen/innen. Bei der Teamaufgabe auch Feedback während des Erarbeitungsprozesses (der in Diskussionsforen stattfindet.)

Dabei werden Fallbeispiele auch mal didaktisch reduziert, da die relevanten Zusammenhänge sonst nicht erkennbar sind und nicht eingeübt werden können.

Wo möglich und sinnvoll wird vermittelt und eingeübt, wie die Apotheker/innen nach dem Seminar aktuelle Informationen finden und bewerten – (z. B. indem geübt wird, Lösungen in Datenbanken zu finden und deren Ergebisse verglichen werden – mit dem Ziel Kriterien für die Bewertung der Informationen im Alltag zu entwickeln und anwenden zu können) und an welchen Stellen sie Rat einholen können.

Flankierend stellt das Studienmaterial die zugrundeliegenden relevanten Inhalte systematisch dar – mit Praxisbeispielen, aktivierenden Fragen und deren Auflösungen.

Es gibt auch den obligatorischen Multiple Choice Test – der neben Wissensfragen schwerpunktmäßig Anwendungsfragen umfasst (was auch, aber nicht nur Akkreditierungs-Hintergrund hat).

Parallel dazu: Ein Forum für sonstige Fragen aus der Praxis, in dem sich die Teilnehmenden gegenseitig austauschen und beraten – wiederum kommentiert von der Moderatorin.

Und dazu: Eine lernorganisatoriche Betreuung, die Unterstützung z. B. bei der zeitlichen Problemen oder Organisation der Teamarbeit anbietet und natürlich bei technische Fragen rund um die Lernplattform zur Verfügung steht. Alle Teilnehmenden können sich außerdem nach Abschluss eines Seminares in einem Alumni-Bereich für den weiteren Austauch vernetzen.

Zusammenfassend

Die dahinterliegenden didaktischen Überlegungen sind in meinen Augen weit mehr als eine “Guided Tour”.

Was ich unter Didaktik verstehe ist das, was in Zusammenarbeit mit fachlichen Experten (und sorgfältiger Erarbeitung eines Curriculms in einem internationalen Projekt) bei der Konzeptionierung dazu geführt hat:

  • Elemente sinnvoll verzahnenrelevante Bereiche zu identifizieren
  • angemessene Lernziele zu formulieren – auf unterschiedlichen Lernzielebenen
  • angemessene Methoden (und Kombination von Methoden) zu entwickeln
  • Sozialformen zielgerichtet einzusetzen
  • Aufgaben sinnvoll miteinander zu verzahnen
  • Lernenden die Möglichkeit zu geben, in der knappen Zeit, die ihnen zu Verfügung steht, von übergreifender Expertise zu profitieren, und ihrer sehr großen Verantwortung entsprechend handeln zu können
  • Lernenden Werzeuge an die Hand zu geben, nach dem Seminar vertieft und vernetzt weiter zu lernen, sich auf aktuellen Stand zu bringen.

Ich bin wirklich gespannt, ob das nun einen Impuls in die Diskussion bringt, der die Sichtweise ändert: meine oder die der “Kontra-Didaktik”-Fraktion. Aber vielleicht zeigt sich an dem Beispiel dann entgültig, dass das alles nur eine Auseinandersetzung um Begrifflichkeiten ist…

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